Sängerfeste
Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnten sich Sängerfeste als Darstellungs- und Begegnungsform von Gesangvereinen etablieren, sie prägten die deutsche Männergesangbewegung (Männerchöre) wesentlich mit. In ihrem Ablauf immer mehr einem fixen Schema unterworfen (Begrüßungsabend, Festzug, Festkonzert, Abschiedsabend u. ä.), stellten sie neben dem geselligen Moment deutschnationales Gedankengut und das Messen im Können der Gesangvereine in den Mittelpunkt. Frühe bedeutende Sängerfeste fanden u. a. in Plochingen (1827, als erstes „deutsches“ Sängerfest bezeichnet), Frankfurt am Main (1838), Würzburg (1845), Köln (1846), Salzburg (1849) und Passau (1851) statt. Bruckners Verbindungen zu Sängerfesten sollen im Folgenden beleuchtet werden.
Anlässlich des erwähnten Passauer Sängerfestes (5.–7.7.1851) vertonte Bruckner für die Eferdinger Liedertafel die Sängersprüche (Motti) „Ein jubelnd Hoch in Leid und Lust“ und „Lebt wohl, ihr Sangesbrüder“. Kurz nach seinem Beitritt zur Liedertafel „Frohsinn“ nahm er an der Salzburger Mozart-Zentenarfeier (6.–9.9.1856) teil, die zwar keinem echten Sängerfest entsprach, aber einem solchen ähnlich war. 1861 brachte dann für Bruckner, mittlerweile Chormeister der Liedertafel „Frohsinn“, zwei Sängerfest-Teilnahmen, die wohl nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben dürften. Zunächst fand am 29. und 30.6.1861 in Krems und Stein das erste große Sängerfest in Österreich statt (über 30 Vereine mit rund 1.100 Sängern). Die Darbietung der Liedertafel „Frohsinn“ unter Bruckners Leitung – gesungen wurde Waldeinsamkeit von Anton M. Storch und Jägers Aufenthalt von Valentin Eduard Becker (1814–1890) – soll zeitgenössischen Berichten zufolge hervorragend gewesen sein. Einen Monat danach fungierte Nürnberg als Veranstaltungsort des Großen Deutschen Sängerfestes (19.–24.7.1861), an dem die Liedertafel „Frohsinn“ mit 49 Mitgliedern teilnahm. Auch hier war der Vortrag der Sänger aus Linz bemerkenswert, Bruckner dirigierte Wachet auf von Friedrich Wilhelm Kücken (1810–1882). Gleichzeitig wurde in Nürnberg die Gründung des Deutschen Sängerbundes (DSB) beschlossen, der sich am 21.9.1862 in Coburg konstituierte. Es folgten regionale Sängerbünde, in Bruckners unmittelbarem Umfeld die des Oberösterreichischen Sängerbundes 1862 (1864 mit dem Salzburger Sängerbund zum Oberösterreichisch-Salzburgischen Sängerbund fusioniert) und des Niederösterreichischen Sängerbundes 1863. Wie grundsätzlich alle Sängerbünde veranstalteten auch die drei genannten in unregelmäßigen Abständen Sängerbundesfeste, wobei hier nun etwaige Bruckner-Bezüge bis 1938 genauer beleuchtet werden.
Für das 1. Oberösterreichisch-Salzburgische Sängerbundesfest in Linz (4.–6.6.1865) war ein Wettbewerb um einen Preis-Chor ausgeschrieben worden, an dem sich auch Bruckner beteiligte. Sein Germanenzug konnte allerdings nur den 2. Preis nach Rudolf Weinwurms Germania und vor Karl Mayrbergers (1828–1881) Abendruhe erringen. Beim 5. Oberösterreichisch-Salzburgischen Sängerbundesfest in Wels (10.–11.6.1883) wurde Bruckners Chor Sängerbund als Gesamtchor unter der Leitung von Eduard Binder (ca. 1840–1928) uraufgeführt. Danach kam es erst wieder beim 9. Oberösterreichisch-Salzburgischen Sängerbundesfest in Steyr (28.–30.5.1898) anlässlich der Enthüllung des Bruckner-Denkmals zur Aufführung von Männerchören Bruckners bei einem oberösterreichischen Sängerbundesfest (Mitternacht [Liedertafel „Frohsinn“] und Sängerbund [Gesamtchor]). Es folgten beim 10. Oberösterreichisch-Salzburgischen Sängerbundesfest in Wels (28.–30.6.1904) der Sängerbund (Sängerverband des Hausruckviertels unter Max Auer), beim 12. Sängerbundesfest in Linz (27.–29.6.1914) Das deutsche Lied (Linzer Sänger) bzw. Sängerbund (Liedertafel Steyr) und beim 13. Sängerbundesfest in Linz (14.–15.6.1924) Trösterin Musik (Gesamtchor).
Der Niederösterreichische Sängerbund setzte Bruckners Germanenzug zweimal aufs Programm (jeweils als Gesamtchor): Beim 8. Niederösterreichischen Sängerbundesfest in Krems (23.7.1892) und beim 10. Niederösterreichischen Sängerbundesfest in Wien (15.5.1904). Weitere Niederösterreichische Sängerbundesfeste fanden bis 1938 nicht statt, jedoch ist überliefert, dass im Rahmen des 19. Waldviertler Gausängerfestes in Horn (7.–8.7.1906) der Germanenzug als Gesamtchor gesungen wurde.
Erstmals 1890 in Wien stand ein Bruckner-Werk bei einem Deutschen Sängerbundesfest auf dem Programm: Der Oberösterreichisch-Salzburgische Sängerbund brachte unter Wilhelm Floderers Leitung am 16.8.1890 den Sängerbund zu Gehör, jedoch nicht im Rahmen einer der beiden Hauptaufführungen des 4. Deutschen Sängerbundesfestes, sondern beim 2. (abendlichen) Sängerkommers. Bruckner kam jedoch sechs Jahre später, beim 5. Deutschen Sängerbundesfest in Stuttgart zu „Hauptaufführungs-Ehren“: Der Germanenzug wurde am 3.8.1896 in der 2. Hauptaufführung als Gesamtchor gesungen. Der Wiener Männergesang-Verein sang dann beim 8. Deutschen Sängerbundesfest in Nürnberg Um Mitternacht (WAB 90) als Einzelchor in der 1. Hauptaufführung am 29.7.1912. Der Verein hätte auch beim folgenden, 9. Deutschen Sängerbundesfest in Hannover 1924 Werke Bruckners zur Aufführung bringen sollen, nahm aber schlussendlich nicht am Fest teil. Überhaupt kam Bruckner bei diesem Fest gar nicht zu Gehör, obwohl es erstmals ein umfangreicheres Musikprogramm als bisher gab (durch 16 Sonderkonzerte).
Vier Jahre später fand man dagegen Bruckner viermal in den Programmen des 10. Deutschen Sängerbundesfestes in Wien, das neben den drei Hauptaufführungen mit insgesamt 56 Stunden- oder Sonderkonzerten aufwarten konnte. Am 20.7.1928 sangen der Sängerchor des Lehrervereines Frankfurt am Main (26. Stundenkonzert, im Wiener Musikverein) Das deutsche Lied und der Sängerbund „Frohsinn“ (20. Stundenkonzert, im Konzerthaus) Sternschnuppen sowie Um Mitternacht (WAB 89). Einen Tag später brachte der Wiener Männergesang-Verein (44. Stundenkonzert, im Wiener Musikverein) wiederum Um Mitternacht (WAB 90) zur Aufführung.
Beim 11. Deutschen Sängerbundesfest 1932 in Frankfurt am Main bildete Das Deutsche Lied den Abschluss der feierlichen Bannerübergabe zu Beginn des Festes am 21.7.1932 (Frankfurter Sängergau unter Gustav Maerz [1882–1958]). Bei dem von nationalsozialistischer Ideologie durchsetzten 12. Deutschen Sängerbundesfest in Breslau 1937 erklangen viermal Werke Bruckners. Am 30.7.1937 sang der Ostmärkische Sängerbund (seit 1924 Name des Niederösterreichischen Sängerbundes) in seinem Sonderkonzert Das deutsche Lied, am 31.7.1937 der Wiener Schubertbund Abendzauber und der Wiener Männergesang-Verein Um Mitternacht (WAB 90). Weiters gelangte Bruckner noch am 29.7.1937 (Konzert der Knappen-Gesang-Vereine Neumühl und Rheinpreußen) zur Aufführung, wobei aber genauere Angaben zum Werk fehlen.
Für das 1. Deutsch-akademische Sängerfest in Salzburg schrieb Bruckner Das deutsche Lied, das dort am 5.6.1892 als Gesamtchor (Wiener Akademische Gesangverein und alle weiteren anwesenden Vereine) uraufgeführt wurde.
Literatur
- [Linzer] Tages-Post 13.6.1883, S. 3; 1.6.1898, S. 3; 1.7.1904, S. 8; 2.7.1914, S. 11; 18.6.1924, S. 4
- Festzeitung für das vierte allgemeine Deutsche Sängerbundesfest [1890]. Wien 1890, Nr. 10, S. 8
- Wienerwald-Bote 14.7.1906, S. 9
- Reichspost 11.9.1913, S. 8
- Emil Bild (Hg.), Der Niederösterreichische Sängerbund 1863–1913. Festschrift zum 50. Jubelfeste 8. Juni 1913 in Wien. Wien 1913, S. 25–32
- Illustrierte Kronen-Zeitung 1.5.1924, S. 8
- Linzer Volksblatt 25.7.1926, S. 11
- Richard Kötzschke, Geschichte des deutschen Männergesanges, hauptsächlich des Vereinswesens. Dresden 1927, S. 153–181
- Bergingenieur i. R. Eduard Binder gestorben, in: [Linzer] Tagblatt 27.10.1928, S. 5f. [ad E. Binder]
- Festführer für das 10. Deutsche Sängerbundesfest. Wien 19. bis 23. Juli 1928, Wien 1928
- Salzburger Volksblatt 22.7.1932, S. 4
- Rudolf Werner (Hg.), Festblätter für das XI. Deutsche Sängerbundesfest Frankfurt am Main, Juli 1932. H. 12 (September 1932), S. 169
- Walter König, Anton Bruckner als Chormeister. Gedenkblätter des „Sängerbund Frohsinn“ Linz an der Donau. Linz 1936
- Ausklang des Breslauer Sängerfestes. Die Veranstaltungen des letzten Tages, in: [Linzer] Tages-Post 3.8.1937, S. 7
- Festführer zum 12. Deutschen Sängerbundesfest Breslau. 28. Juli bis 1. August [1937]. Hg. v. Deutschen Sängerbund. Breslau 1937
- Ostmärkischer Sängerbund. 12. Deutsches Sängerbundesfest Breslau 1937. Sonderkonzert-Chorliederheft. Freitag, den 30. Juli 1937, 10 Uhr vormittags. Wien 1937
- Guido Holzer, Vom Wandel der Form. Anton Bruckner als Chormeister, in: Werner Sonvico (Red.), 100 Jahre Oberösterreichisch-Salzburgischer Sängerbund 1864. Linz [1964], S. 47–52
- Andrea Harrandt, Aus dem Archiv der Liedertafel „Frohsinn“. Zum Chorwesen im 19. Jahrhundert, in: Bruckner-Symposion 1990Othmar Wessely (Hg.), Bruckner-Symposion. Musikstadt Linz – Musikland Oberösterreich. Im Rahmen des Internationalen Brucknerfestes Linz 1990. 19.–23. September 1990. Bericht. Linz 1993, S. 57–70
- Land der Chöre. Eine Dokumentation über den Österreichischen Sängerbund. Hg. v. Österreichischen Sängerbund. Graz 1990, Bd. 1, S. 59–72
- Christian Fastl, „Was ist des Deutschen Vaterland? – Gewiß, es ist das Österreich, an Ehren und Siegen reich.“ Das Männerchorwesen in Österreich 1848/49, in: Barbara Boisits (Hg.), Musik und Revolution. Die Produktion von Identität und Raum durch Musik in Zentraleuropa 1848/49. Wien 2013, S. 135–155
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