Kroatien (Rezeption)
Ein Überblick über die elementaren Fakten zur Rezeptionsgeschichte zu Bruckners Werken in Kroatien ist aufgrund unzureichender Informationen unvollständig. Erstaufführungen der Fünften und Sechsten Symphonie lassen sich nicht nachweisen. Vermutlich wurden sie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aufgeführt. Es gibt auch keine gesicherten Angaben dazu, welche Fassungen gespielt wurden. Die Datenlage zu den Erstaufführungen der Kirchenmusik Bruckners ist ebenso unzureichend.
Die ersten Aufführungen von Bruckner-Werken fanden am Beginn des 20. Jahrhunderts statt, als zwei Symphonien durch Gastaufführungen von deutschen und österreichischen Orchestern unter der Leitung von renommierten Dirigenten dem kroatischen Publikum vorgestellt wurden: Die Berliner Philharmoniker spielten 1903 unter Richard Strauss die Dritte und das Orchester des Wiener Konzertvereins 1908 unter Ferdinand Löwe die Vierte Symphonie. Aber die kritische Rezeption war knapp und das Publikum reagierte nicht sehr gut auf Bruckners Musik, sondern beurteilte sie als zu innovativ. 1924 fand die Erstaufführung des Streichquintetts in F‑Dur durch das Zagreber Quartett statt. Die Zahl der Aufführungen nahm zunächst immer mehr ab, bis in den 1930er Jahren Lovro von Matačić fast jedes Jahr eine repräsentative Symphonie (z. B. 1930 die Neunte, 1937 die Siebente und 1942 die Achte Symphonie, Fassung 1890) oder Bruckners Messen (1938 die Messe in f‑Moll, 1944 die Messe in d‑Moll) mit der Zagrebačka filharmonija (Zagreber Philharmonie) aufführte (1932/33, 1936–1939 und 1942–1944).
Die 1920er und 1930er Jahre waren sehr bewegte Zeiten, was die kritische Rezeption in allgemeinen und kulturspezifischen Zeitschriften betrifft, welche wiederum Trends in der Rezeption in den kulturellen Kreisen Deutschlands und Österreichs widerspiegeln. Vor 1920 waren Artikel über Bruckner, oft in Gedenkjahren veröffentlicht, meist neutral in der Anerkennung der Wichtigkeit des Komponisten. Eine Ausnahme bildet der Beitrag in Hrvatska smotra aus dem Jahr 1906, in welchem ein unbekannter Autor Bruckners konservativen Romantizismus als positiven Gegenpol zur modernen Musik beurteilte. Dieser Punkt wurde in einigen Artikeln, die in den 1920er Jahren veröffentlicht worden waren, wieder aufgenommen. Das radikalste Beispiel dazu ist ein 1925 im katholischen Kulturmagazin Zivot veröffentlichter Text von Vjekoslav Lončar (1885–1969). Weitgehend auf österreichischen und deutschen Quellen über Bruckner (z. B. Karl Grunsky) beruhend rühmte Lončar Bruckners Fähigkeiten in einem Diskurs über religiöse musikalische Hermeneutik. Abgesehen davon, dass es sich bei Lončars Text um eines der umfangreichsten Dokumente zur Bruckner-Rezeption in Kroatien in einer Zeitschrift handelt, vermied es Lončar, einen tieferen analytischen Einblick zu geben. Er ahnte aber verschiedene Aspekte voraus, die später für das Nazi-Regime Bruckners Musik als Verkörperung des deutschen Geistes in der Musik herhalten würden (Nationalsozialismus), wider alle Einflüsse von außen.
Berichte über Konzertaufführungen in den 1930er Jahren drücken ein allgemeines Bewusstsein über die Wichtigkeit Bruckners und seine Absenz im bestehenden Repertoire aus, aber auch die Notwendigkeit das Publikum zu informieren. Eine Forderung, die durch Matačić‘ Einführungsvorträge zur Siebenten und Achten Symphonie erfüllt wurde. In der Zeit von 1950 bis 1965 nahmen Bruckner-Symphonien unter Friedrich Zaun (1893–1966), dem wichtigsten Dirigenten der Zagrebačka filharmonija, wieder ihren Platz im Repertoire ein. Die Vierte Symphonie (als am wenigsten „problematisch“ in Bezug auf Aufführungspraxis und Rezeption bewertet) nahm die Hauptstellung in der Aufführung von Bruckner-Werken ein. Die Jahre 1966 bis 1982 waren gekennzeichnet von Matačić‘ Präsenz als berühmtester, aber nicht einziger Dirigent, der Bruckner-Symphonien mit kroatischen Orchestern aufführte. Abgesehen davon, dass die Rezeption schlechter dokumentiert ist als in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts, lassen die Tourneen Matačić‘ mit der Zagrebačka filharmonija zum Dubrovnik Sommer Festival, nach Ljubljana, Graz und Pressburg in den 1970er Jahren und die kritische Rezeption der Aufführungen in Zagreb darauf schließen, dass der Standard sowohl technisch als auch künstlerisch besser geworden ist. In den letzten 30 Jahren bilden das Te Deum und die Symphonien Bruckners, außer der Ersten und der Zweiten, die nach wie vor selten aufgeführt werden, einen wesentlichen, wenn auch einen nicht allzu lebendigen Teil des Repertoires der Zagrebačka filharmonija und des Radio-Symphonieorchesters Zagreb unter Milan Horvat (1919–2014) als bekanntestem Dirigenten.
Mit Ausnahme von zwei Aufnahmen von Bruckners kleineren Kirchenwerken, die von kroatischen Chören eingespielt wurden (Ave Maria [WAB 5], Mjesoviti zbor RKUD „Duro Salaj“, Jugoton, 1983, LP; Locus iste, Mjesoviti zbor pjevacki zbor zupe sv. Barbare Vrapce, Best Music, 2003), beschränken sich die Aufnahmen von Bruckners Musik auf Matačić‘ Einspielungen. Eine kroatische Bruckner-Bibliografie (ein Teil, aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts stammend, ist in Deutsch) besteht nur aus den vorher erwähnten Berichten und Artikeln in Zeitschriften. Einzige Ausnahme ist die repräsentative Monografie über Matačić auf Kroatisch. Da Bruckners Werk einen essentiellen Aspekt im Repertoire des Dirigenten einnahm, bietet die Monografie nicht nur Informationen über Bruckner als Teil des zentralen bibliografischen Abschnitts von Sedak, sondern stellen die Beiträge von Nikša Bareza (* 1936), Marija Bergamo (* 1937) und Rudolf Stephan auch interessante Fragen zu Matačić‘ Interpretation von Bruckners Musik. Von allen dreien ist Bergamos einsichtige Analyse zu Matačić‘ Auslegung der Bruckner-Symphonien die extensivste; sie zeigt das Ausmaß, in welchem die Rezeption Bruckners in Kroatien durch die Aktivitäten einer künstlerisch einflussreichen Person inspiriert wurde.
Literatur
- 10. oblj. Smrti, in: Hrvatska smotra 1 (1906), S. 224f.
- Vjekoslav Lončar, Anton Bruckner, in: Život 6 (1925), H. 5, S. 276–290
- Eva Sedak (Hg.), Matačić. Zagreb 1996
- Vjera Katalinić/Rudolf Flotzinger, Art. „Kroatien (deutsch für kroatisch Hrvatska)“, in: www.musiklexikon.ac.at [30.9.2020]