Slowenien (Rezeption)
Die symphonische Musik Bruckners wurde in Ljubljana (Laibach) erstmals etwa ein Jahrzehnt nach den Aufführungen in Wien vorgestellt. Anfang des 20. Jahrhunderts waren einige seiner Symphonien – Zweite, Dritte, Vierte und Neunte Symphonie – zu hören. Um Aufführungen der Werke Bruckners bemühte sich besonders der Leiter des Musikvereins Philharmonische Gesellschaft, Josef Zöhrer (1841–1916), ein in Wien geborener und dort ausgebildeter Musiker. Als erste wurde 1896 in Ljubljana die Vierte Symphonie aufgeführt, wiederholt in den Jahren 1900, 1902, 1906 und 1912. Bruckners Dritte Symphonie wurde erstmals 1904 unter Zöhrers Leitung und 1913 unter Rudolf von Weiss-Ostborn (1876–1962) gespielt. 1904 gastierte das Wiener Konzertvereinsorchester mit der Neunten Symphonie unter der Leitung von Ferdinand Löwe. Dass Bruckner Anfang des 20. Jahrhunderts in Ljubljana ein sehr geschätzter Komponist war, beweist das Programm des Festkonzerts anlässlich des 200. Jahrestages des Bestehens der Philharmonischen Gesellschaft (1902) mit der Vierten Symphonie von Bruckner, vor allem aber das von der Gesellschaft organisierte Konzert, gewidmet dem 10. Todestag Bruckners (1906). Erstmals wurde damals in Ljubljana seine Zweite Symphonie gegeben (wiederholt 1909) und auch die Gelegenheitskomposition Trauermusik „Dem Andenken Bruckners“ von Otto Kitzler (Hommagen und Widmungen an Bruckner). Das Aufführungsmaterial dieser Komposition ist im Archiv der Philharmonischen Gesellschaft in Ljubljana nicht erhalten geblieben.
1896 wurde neben Bruckners symphonischer Musik auch erstmals eines seiner Kammermusikwerke, das Adagio aus dem Streichquintett in F-Dur, in einem Kammermusikabend der Philharmonischen Gesellschaft vorgestellt und im Jahr 1900 wiederholt. Die Erstaufführung des ganzen Werkes fand 1903 statt, eine Wiederholung im Jahr 1906.
Bruckners Chorkomposition Ave Maria (WAB 6) wurde in Ljubljana 1894 erstmals vom Chor des Vereins Glasbena matica aufgeführt. Derselbe Chor führte mit gastierenden Solisten und einer Militärkapelle unter der Leitung von Matej Hubad (1866–1937), einem Schüler Bruckners am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, 1896 das Te Deum auf. Mit diesem Werk gastierte der Chor im selben Jahr im Wiener Musikverein.
Nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 wurden Bruckners Werke in Ljubljana nur selten aufgeführt. Die Philharmonische Gesellschaft wurde aufgelöst und es gab Organisationsschwierigkeiten mit dem Bestehen eines Konzertorchesters. 1921 führten die Militärkapelle der Draudivision unter der Leitung von Josip Čerin (1867–1951) in Ljubljana und Celje (Cilli) Bruckners Vierte und 1925 wahrscheinlich erstmals seine Siebente Symphonie auf. Lovro von Matačić gastierte in Ljubljana erstmals 1922 und führte mit dem Orchester des Königlichen Volkstheaters in Ljubljana Bruckners Dritte Symphonie auf.
Nach 1945 erklangen in Ljubljana Bruckners Symphonien alljährlich in Abonnementkonzerten. Das Orchester der Slowenischen Philharmonie spielte am häufigsten die Dritte, Vierte und Siebente Symphonie und selten die Erste, Zweite und Fünfte. Unter den Dirigenten, die öfters Bruckners Werke in Ljubljana aufführten, seien unter den gastierenden Matačić (Siebente 1950, 1984, Vierte 1953, 1957, Neunte 1971 und Dritte 1972), Theodor Guschlbauer (Vierte 1979, 1996, Dritte 2005, Zweite 2008), Milan Horvat ([1919–2014]; Sechste 1980, Fünfte 1985, Neunte 1990, Siebente 1992, Dritte 1997, Vierte 1998) und Wolf-Dieter Hauschild ([* 1937]; Neunte 1992) erwähnt.
Dass Bruckners Musik in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in Slowenien tief verankert war und Bruckner als anerkannter Komponist galt, beweist auch das Programm des ersten Abonnementkonzertes der Saison 1996/97 zu Bruckners 100. Todestag. Neben seiner Symphonie in d‑Moll (erstmals in Ljubljana) und dem Te Deum wurde auch die Gelegenheitskomposition 3. Symphonie für Schlaginstrumente und Orchester in Memoriam Anton Bruckner vom slowenischen Komponisten Alojz Ajdič (* 1939) uraufgeführt.
Neben der Slowenischen Philharmonie wurden Bruckner-Symphonien auch vom Symphonischen Orchester der Radiotelevision Slovenija aufgeführt. Meist leitete der Dirigent Anton Nanut (1932–2017) die Konzerte (Achte 1988, Neunte 1989, Vierte 1990, Siebente 1992, Sechste 1994), außerdem gastierten Matačić (Vierte 1977), Nikolaj Alexejev (Neunte 1993) und Lior Shambadal ([* 1950]; Fünfte 2002).
In der zweitgrößten slowenischen Stadt Maribor (Marburg) wurden Bruckners Werke aus organisatorischen Gründen seltener aufgeführt. 1974 spielte das gastierende Orchester der Musikhochschule aus Graz unter Max Heider (1922–1975) die Ouvertüre in g‑Moll, 1978 brachte das Orchester der Slowenischen Philharmonie unter der Leitung von Samo Hubad (1917–2016) die Sechste Symphonie zu Gehör, das Symphonische Orchester der Philharmonie in Maribor spielte 1996 unter der Leitung von Roman Zeilinger (* 1938) die Dritte Symphonie, 2009 das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks unter Paavo Järvi (* 1962) die Fünfte Symphonie. Zum 115. Todestag Bruckners (2011) wurden in Maribor und Ljubljana Hommage-Konzerte organisiert. Slowenische Musiker unter der Leitung von Cristian Mandeal (* 1946) führten das Te Deum und die Neunte Symphonie auf.
Neben den einheimischen Orchestern wurden Bruckners Symphonien in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auch von Orchestern aus dem Ausland aufgeführt, unter ihnen das Bruckner Orchester Linz (Vierte 1996, Martin Sieghart), das London Symphony Orchestra (Neunte 1999, Michael Tilson Thomas [* 1944]), das Royal London Philharmonic Orchestra (Vierte 2004, Hans Graf [* 1949]) und das Orchestre de la Suisse Romande (Siebente 2008, Marek Janowski).
In den letzten Jahren waren Bruckners geistliche Vokalwerke in Konzerten von slowenischen Chören häufig zu hören. Der Slowenische Kammerchor führte mit orchestraler Begleitung die Messe in f‑Moll und die Messe in e‑Moll (1997, 2006) sowie das Te Deum 1985 auf. Die Messe in C‑Dur wurde in den letzten Jahrzehnten mehrmals unter der Leitung von Maksimilijan Feguš (* 1948) in Ptuj (Pettau; 1970, 1971, 1972, 1986, 1987) und in Maribor (2005) aufgeführt. Mit Orgelbegleitung ist dieses Werk ein Teil des Standardrepertoires des Chores Laudamus. 1989 führte der große Vereinigte Chor mit Orchester in Maribor und Ptuj das Te Deum auf. Einige von Bruckners Motetten (Ave Maria [WAB 6], Christus factus est [WAB 11], Os justi) sind heute Teil des Repertoires der slowenischen Chöre, das Locus iste wird auch gerne von kleineren slowenischen Kirchenchören gesungen.
Die einzige Aufnahme eines symphonischen Werkes Bruckners mit einem slowenischen Orchester, die auch auf Schallplatte gepresst wurde, ist die Siebente Symphonie, 1984 mit der Slowenischen Philharmonie unter Matačić. 1990 wurde auch die Achte mit dem slowenischen Orchester unter der Leitung von A. Nanut auf CD eingespielt. Für sein Archiv nahm das Symphonische Orchester der Radiotelevision Slovenija alle Symphonien Bruckners auf, ausgenommen die Erste und die Fünfte.
Die erste Niederschrift eines slowenischen Autors über Bruckner ist der Nachruf anlässlich des Todes des Komponisten 1896, veröffentlicht in der Zeitschrift Cerkveni glasbenik des Cäcilienvereins (Cäcilianismus). Zum 100. Geburtstag Bruckners erschien in derselben Zeitschrift eine längere Abhandlung des slowenischen Musikhistorikers Anton Dolinar (1847–1930) nach der Monografie von Max Auer, in welcher der Autor feststellte, dass Bruckners Kunst die Welt eroberte. Da das Forschungsinteresse der slowenischen Musikwissenschaftler in den letzten Jahrzehnten vor allem auf die Erforschung der nationalen Musikgeschichte und das Schaffen slowenischer Komponisten gerichtet war, befasste sich niemand ausführlicher mit der Erforschung des Lebens und des Werkes von Bruckner. Erwähnt werden muss die Studie der slowenischen Musikwissenschaftlerin Marija Bergamo (* 1937) mit dem Titel Zwischen der Erfahrung und der Transzendenz: Matačić und Bruckner – die Beziehung des Dirigenten Matačić zur Musik von Bruckner. 1996 hielt Manfred Wagner im Rahmen des Symposiums der Slowenischen Musiktage, Musik und bildende Kunst, in Ljubljana einen Vortrag über Bruckner.
Literatur
- Anton Foerster, Profesor Anton Bruckner, in: Cerkveni glasbenik XIX (1896), 10, S. 75ff.
- Anton Dolinar, Anton Bruckner, in: Cerkveni glasbenik XLVII (1924), S. 1–4, 27–31, 48f.
- Marija Bergamo, Između iskustvenosti i transcendentalnosti: Matačić i Bruckner, in: Eva Sedak (Hg.), Matačić. Zagreb 1996, S. 209–216
- Manfred Wagner, Was bedeutet der ästhetische Raum für Anton Bruckner, in: Primož Kuret (Hg.), Symposium Slowenische Musiktage Musik und bildende Kust, Ljubljana 23.–26.4.1996. Ljubljana 1997, S. 199–205
- Ivan Klemenčič/Rudolf Flotzinger Art. „Slowenien (deutsch für slowenisch Slovenija)“, in: www.musiklexikon.ac.at [23.9.2020]